
Stadt oder Land – darüber könnte man endlos diskutieren. Vielleicht hast du den Stadttrubel satt und spielst mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen? Oder du wohnst ländlich, würdest aber viel lieber in der Stadt leben? Bist du eher Stadtmensch oder Dorfmensch? Ich habe mir über dieses Thema viele Gedanken gemacht – und erzähle dir meine Geschichte …
Meine Herkunft – die Stadt
Ich bin in der Stadt aufgewachsen. Vom Kindergarten bis zum Abitur habe ich mein Leben in Rastatt verbracht. Beruflich führte mich der Weg recht bald nach Karlsruhe, später wieder zurück nach Rastatt.
Natürlich ist Rastatt keine Großstadt. Aber es ist alles da, was man mit Stadtleben verbindet: Geschäfte, Gastronomie, Kino, Museen, Schwimmbad, Märkte und Stadtfeste, Ärzte, Bahnhof, Autobahn. Es fehlt an nichts.
In Rastatt hatte ich auch meine erste eigene Wohnung. Sie war nicht groß, aber gemütlich. Es war mein kleines Reich und ich habe mich dort wohlgefühlt, war sogar ein bisschen stolz darauf.
Von der Stadt aufs Land
Irgendwann lernte ich meinen Mann kennen. Er zog zu mir und nach drei Jahren Beziehung heirateten wir. Dann wechselte er den Job und musste täglich nach Mannheim pendeln. Auf Dauer war das aber zu zeit- und zu kostenintensiv. Also beschlossen wir, umzuziehen.
Die Wohnungssuche war allerdings ernüchternd: Was mir gefallen hätte, passte nicht ins Budget – und was ins Budget gepasst hätte, gefiel mir nicht. Ein größerer Suchradius führte uns schließlich zu unserem Haus: einem großen, alten Vierseithof. Trotz Sanierungsbedarf und viel, sehr viel Arbeit, die auf uns zukommen würde, sahen wir das Potenzial darin. Es war irgendwie Liebe auf den ersten Blick.
Dass das Haus in einem 500-Seelen-Dorf steht, habe ich damals komplett ausgeblendet. Genauso habe ich weggelächelt, dass viele mir sagten: „Du – auf dem Land? Das passt nicht zu dir. Spätestens in ein paar Jahren willst du zurück in die Stadt.“ Meinem Mann hingegen spielte der Standort in die Karten. Er ist ein Dorfkind, Rastatt mochte er nie besonders. In der Stadt arbeiten – ja. Aber dort wohnen? Lieber nicht.
Die Vorzüge des Landlebens
Die ersten Jahre auf dem Land waren geprägt von Arbeit. Wir wohnten auf einer Baustelle und gefühlt war da immer ein Zimmer, ein Raum in einem Nebengebäude oder eine Ecke im Hof, die noch gemacht werden mussten. Zeitgleich habe ich mich selbstständig gemacht und auch das kostete Kraft. Für anderes blieb weder viel Raum noch Energie. Aber irgendwann war alles fertig – und mir wurden die Unterschiede immer bewusster.
Natürlich bietet das Landleben Vorteile. Dazu gehört für mich der Platz. So viel Raum zum Wohnen und Gestalten gibt es in der Stadt nicht. Die Nähe zur Natur. Ein paar Schritte genügen und vor einem eröffnet sich eine weitläufige Landschaft mit Wiesen, Feldern und Wäldern, die zu langen Spaziergängen einlädt. Das Vogelgezwitscher am Morgen, abends der ungetrübte Blick in den Sternenhimmel. Die Möglichkeit, Haustiere zu haben.
Auch die Stille kann schön und heilsam sein. Die meiste Zeit ist einfach nichts los, bestenfalls fahren mal ein paar Autos vorbei. Perfekt, um wirklich zur Ruhe zu kommen und abzuschalten.
LEBEN in der Stadt
Doch trotz aller Vorzüge: Das Landleben ist nicht nur Idylle. Es ist anders – und oft nicht einfach. Es ist nicht möglich, sich mal eben spontan mit jemandem im Café an der Ecke zu treffen oder um die Häuser zu ziehen. Jeder Einkauf ist mit einer längeren Fahrt verbunden und ein Arztbesuch wird wegen der Entfernung schnell zu einem Halbtagsausflug.
Natürlich geht man auch in der Stadt nicht ständig ins Restaurant, schaut sich jede Ausstellung an und bummelt täglich durch die Geschäfte. Aber es gibt dieses gute Gefühl, dass man all das könnte, wenn man wollte.
Ja, in der Stadt ist es oft eng, hektisch, laut, manchmal schmutzig. Aber ich mag genau das – diese Lebendigkeit in all ihren Facetten. Ich finde es herrlich, in der Fußgängerzone zu sitzen und die bunte Vielfalt der Menschen zu beobachten, die an einem vorbeiströmen. Vielleicht geht es in der Stadt anonymer zu. Aber jeder kann sein, wie er ist – ohne Gefahr zu laufen, zum Hauptthema des nächsten Dorftratsches zu werden.
Kontakte
Ich habe hier ein paar wunderbare Menschen kennengelernt. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber insgesamt ist es schwierig, innerhalb einer Dorfgemeinschaft tiefere Kontakte zu knüpfen. Vielleicht ist es anders, wenn als Familie über die Kinder Kontakte entstehen oder man der Typ fürs dörfliche Vereinsleben ist. Doch meist bleibt es oberflächlich, denn es gibt eben die „Einheimischen“ und die „Zugezogenen“.
Ich bin gerne für mich und habe immer etwas zu tun. Wäre dem nicht so, könnte es auf dem Dorf durchaus einsam werden.
Das heißt natürlich nicht, dass es in der Stadt keine Einsamkeit und keine Oberflächlichkeiten gibt. Aber die Vernetzung funktioniert anders. Ich finde, es ist leichter, neue Leute kennenzulernen. Ob beim Friseur, an der Bushaltestelle, im Supermarkt oder auf der Parkbank: Das alltägliche Leben bietet einfach mehr Gelegenheiten, um mit anderen ins Gespräch zu kommen – wenn man möchte. Und es spielt keine Rolle, wie lange jemand schon dort wohnt.
Mein ganz persönliches Fazit
Ländlich zu wohnen ist schön. Jedenfalls, solange man einigermaßen fit und vor allem mobil ist. Aber ich weiß für mich auch: Obwohl ich gerne hier wohne, bin ich hier nicht zu Hause. Auf lange Sicht will ich zurück in die Stadt. Nicht, weil das Landleben schlecht ist. Sondern weil ich den Trubel und den Lärm vermisse. Ich möchte mehr Leben um mich haben und selbst entscheiden können, wie tief ich darin eintauche.
Vielleicht ist mein Vergleich nicht ganz fair. Eine Stadt mit rund 50.000 Einwohnern und ein Dorf mit knapp 500 Einwohnern sind einfach zwei Welten. Möglicherweise würde meine Bilanz anders ausfallen, wenn es nicht diese beiden Extreme wären.
Und vielleicht geht es auch gar nicht um zwei Lager. Statt Stadt mit Land zu vergleichen oder zwischen Stadt- und Dorfkind zu unterscheiden, sollte man vielleicht nur schauen, was für ein Typ Mensch man ist. Und sich fragen, wo man innerlich aufatmet und sein Leben so leben kann, wie es sich für einen selbst am besten anfühlt …
Und du?
Wie ist es bei dir? Schwankst du zwischen Stadt und Land? Welche Erfahrungen hast du gemacht?
